Hat mein Kind "Polypen"?

 

Die Folgen der vergrößerten Rachendachmandel („Polypen des Kindes“)

Während die Existenz der Gaumenmandeln allgemein bekannt ist und deren schmerzhafte Erkrankung (Angina) fast jedem geläufig ist, fristet die Rachendachmandel  (im Volksmund: „Polypen“, medizinisch „Adenoide Vegetationen“)  ein fast unbeachtetes Dasein. Kaum ein medizinischer Laie  weiß, was das ist, wo es liegt und welche gravierenden Folgen es haben kann, die Existenz einer vergrößerten Rachendachmandel beim Kind zu übersehen. Die meisten Eltern wissen erst dann ungefähr Bescheid, wenn ein Kind operiert worden ist, und dieser kleine und harmlose Eingriff wird oft Jahre zu spät durchgeführt. Dies hat schwerwiegende Folgen für die Entwicklung der betroffenen Kinder.

Die Rachendachmandel besteht aus lymphatischem Gewebe, ähnlich den Gaumenmandeln und liegt hinter der Nase am Rachendach, hinter den Choanen (hintere Nasenlöcher) durch die sich die Nase zum Rachen öffnet. Sie beginnen meist ab dem 2. Lebensjahr zu wachsen und erreichen  im 3.-7. Lebensjahr ihr Größenmaximum. Ab der Pubertät schrumpfen die Adenoiden Vegetationen wieder, sodass sie dann in der Regel dann kein Problem mehr darstellen. Weil eine vergrößerte Rachendachmandel die Nasenatmung behindert, wird im Volksmund auch von „Polypen“ gesprochen, obwohl sie nichts mit den Nasenpolypen des Erwachsenen zu tun hat.

Die Folgen einer vergrößerten Rachendachmandel für das Kind sind mannigfaltig und weitreichend:

  • Für Nase, Nasenrachen und Luftwege: immerwiederkehrende Infekte, schlecht abheilender Schnupfen oder Dauerschnupfen und eine zunehmende Behinderung der Nasenatmung. 
  • In weiterer Folge: Nasennebenhöhlenprobleme Kieferhöhlenentzündung), da dieKieferhöhle normalerweise durch Sog beim Schnäuzen  entleert wird und das Schnäuzen wegen der vergrößerten Rachendachmandel unterbleibt.

     Jede länger dauernde Mundatmung führt in der kalten Jahreszeit zu einer Schädigung der Schleimhaut von Luftröhre und Bronchien, da die Funktionen der Nase wie Reinigung, Anfeuchtung und Erwärmung der Atemluft  bei Mundatmung ausfallen.

  • Die Behinderung der Nasenatmung führt zu einer oft übersehenen Mundatmung und nächtlichem Schnarchen. Als Folge der Mundatmung kommt es zu einer Fehlbildung des harten Gaumens und zu einem Engstand im Bereich der oberen Zahnreihe. Für eine normale Entwicklung des harten Gaumens  ist die freie Nasenatmung  unabdingbare Voraussetzung, damit die Zungenoberseite dem harten Gaumen anliegt und diesen ausreichend breit und flach formt. Fehlt dieser Gegendruck der Zunge so wirken auf die Gaumenplatte lediglich die Zugkräfte der Kaumuskulatur ein und machen sie im Lauf des Wachstums hoch und eng, wie einen gotischen Bogen („Spitzbogengaumen“).   Oft wird das Problem erst mit den 2. Zähnen durch deren massive Fehlstellung erkannt und eine kostenintensive Zahnregulierung erforderlich.

Beim  Schlaf mit offenem Mund fällt die Zunge zurück und verlegt den Kehlkopfeingang.

Dadurch tritt eine akute Atemnot auf, die meist mit Angsträumen verbunden ist und das Kind aus dem Schlaf aufschrecken lässt.  Dieser „Pavor nocturnus“ lässt die Kinder häufig auch bettnässen. Die Folge sind Tagesmüdigkeit, Konzentrationsprobleme und Einschlafen in der Schule, wo die Zunge wegen der sitzenden Haltung des Kindes nicht auf den Kehlkopf zurückfällt.

    Die Nahrungsaufnahme  ist bei blockierter Nasenatmung hochgradig erschwert. Da    gleichzeitiges Kauen und Atmen durch den Mund kaum möglich ist, wird das betroffene Kind entweder zu wenig essen und untergewichtig werden oder das Essen ungekaut    hinunterschlingen, was  der Verdauung ebenfalls nicht zuträglich ist.

  • Im Bereich des Ohres kommt es durch Blockade der im Naserachenraum seitlich gelegenen Öffnung der Ohrtrompete durch die vergrößerte Rachendachmandel zurEntwicklung eines „Mittelohrergusses“: Die Ohrtrompete öffnet sich normalerweise spontan beim Schlucken und gewährleistet so den Druckausgleich des Mittelohres. Fällt dieser Druckausgleich zur Umgebungsluft weg, so bildet sich zunächst eine dünnflüssige, später zähe Schleimabsonderung im Mittelohr, das normalerweise luftgefüllt ist. Dies bedingt eine Gehörverschlechterung. Unentdeckt führt der Mittelohrerguss zu immerwiederkehrenden Mittelohrentzündungen und letztendlich zur chronischen Mittelohrentzündung mit bleibendem Trommelfelldefekt, der später nur mehr operativ behoben werden kann.  („Mein Kind hat schon 20x Mittelohrentzündung gehabt, und ich weiß nicht warum“, Zitat einer verzweifelten Mutter)

Deshalb sollten alle Symptome wie: tags oder nachts auftretende Mundatmung, nächtliches Schnarchen, immer wiederkehrende Infekte des HNO-Bereiches  (Dauerschnupfen, Nasennebenhöhlenentzündung, chronische oder asthmatische Bronchitis, chron. Mittelohrerguss, rezidivierende Mittelohrentzündung, Gedeihstörung des Kindes) zu einer gründlichen HNO-fachärztlichen Untersuchung Anlass geben.

Dabei werden nicht nur die Ohren mit dem Mikroskop untersucht sondern insbesondere die Rachendachmandel inspiziert. Die exakte Beurteilung der Größe der Rachendachmandel gelingt bei vielen Kindern am besten mit einem kleinen Endoskop direkt durch die Nase, was nicht nur den Vorteil hat, den so erhobenen Befund mittels Video auch den Eltern demonstrieren zu können sondern auch völlig schmerzlos ist.

.Die Entfernung der Rachendachmandel, die keineswegs mit der Entfernung der eigentlichen Mandeln verwechselt werden darf, stellt daher nicht nur den wichtigsten Schritt zur Wiederherstellung einer normalen Nasenatmung, sondern auch zur Sanierung der Ohren dar.

Sie ist ein völlig harmloser und praktisch risikoloser Eingriff in Allgemeinanästhesie, der keine Schmerzen verursacht. Die Operation gilt als „kleinster und segensreichster Eingriff unseres Fachgebietes  (Zitat Prof. Dr. Dietrich Plester) da dadurch  weitreichende Spätschäden abgewendet werden können.

Ein weitverbreitetes Missverständnis möchte ich an dieser Stelle aufklären: Viele Mütter klagen, dass ihre Kinder bei jedem Schnupfen eine Mitttelohrentzündung bekommen, obwohl sie sich doch ohnehin so tüchtig schnäuzen. Bei diesen Kindern kommt es durch das feste Anblasen beim Schnäuzen zu einer Öffnung der Ohrtrompete und damit zu einer Keimverschleppung ins Mittelohr, was dann die Mittelohrentzündung zur Folge hat.

Jeder Erwachsene kann sich durch festes Anblasen bei zugehaltenen Nasenlöchern und gleichzeitigem Schlucken (Druckausgleich oder Valsalva) von diesem Mechanismus überzeugen.

Fordern Sie daher Ihr Kind niemals zu festem Schnäuzen auf, sondern lassen Sie es ganz vorsichtig schnäuzen und - obwohl gesellschaftlich verpönt - das Sekret lieber durch die Nase aufziehen und hinunterschlucken. Auf diese Weise gelangen die Erreger in den Magen, wo sie von der Magensäure vernichtet werden und nicht ins Mittelohr.

Eine wichtige Frage in der Beobachtung von Kindern ist daher:

„Bekommt mein Kind gut Luft durch die Nase?“. Hierzu empfiehlt  sich die Beobachtung des Kindes im Schlaf, ob es den Mund auch wirklich vollkommen geschlossen hat.